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Hirnforschung  |  28.12.2017  |  08:02 Uhr

Neurologen wollen beweisen: "Musizieren hält fit im Alter"

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Im Dienst der Wissenschaft können 64- bis 76-Jährige demnächst an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTHM) kostenlos Klavierunterricht nehmen. Ein Forscherteam rund um den Leiter des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin, Eckart Altenmüller, ist den Auswirkungen von Musikunterricht auf das Gehirn im Alter auf der Spur.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gibt 427.000 Euro für das HMTHM-Projekt in Kooperation mit der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und der Universität Genf in der Schweiz. Den Neurologen und Musikwissenschaftler Altenmüller interessieren neue Vernetzungen in den Gehirnen der Senioren.



Frage: Hält Musizieren tatsächlich jung?

Antwort: Definitiv, dazu gibt es bereits Studien. So wurde festgestellt, dass die Gehirne von musizierenden Amateuren im Schnitt etwa fünf Jahre jünger sind als die Gehirne von Menschen, die keine Musik machen. Musizieren ist ein ganz starker Reiz für unsere Neuroplastizität, also Hirnvernetzung, weil es eine so komplexe Tätigkeit ist. Dazu gehören das Hören, Bewegen, Fühlen, Sehen und vor allem das Planen. Beim Musizieren musss man sich immer auf neue Situationen einstellen, es hält fit im Alter. Andere kreative Tätigkeiten wie Malen halten übrigens auch jung.

Frage: Im Rahmen Ihres neuen Projekts sollen rund 100 Senioren ein Jahr lang Klavierunterricht oder eine theoretische Musikausbildung erhalten. Welche Effekte erwarten Sie beim Spielen im Gegensatz zu der Gruppe, die nur in Musiktheorie unterrichtet wird?

Antwort: Beim aktiven Spiel erwarten wir vor allem eine Verbesserung der Vernetzung der Hirnregionen, die für Bewegung und Wahrnehmung zuständig sind. Diese verbesserte Vernetzung wird sich vermutlich auch in Verhaltensänderungen zeigen wie einer besseren Reaktionsfähigkeit oder einem besseren Arbeitsgedächtnis. Außerdem erwarten wir eine Verbesserung der Stimmung. Die Hirnregion Hippocampus, die mit Stimmung und Gedächtnis zu tun hat, ist sehr empfindlich bei älteren Menschen. Hier können sich auch im Alter noch neue Zellen bilden. Ich bin überzeugt davon, dass wir in bildgebenden Verfahren wie MRT und MRE einige Veränderungen sehen werden.

Frage: Ist Ihre Untersuchung ganz neu oder bauen Sie auf Vorgängerstudien auf?

Antwort: Es gibt eine knapp zehn Jahre alte verwandte Studie des Neurologen Arne May. Er hat älteren Menschen Jonglieren mit drei Bällen beigebracht und davor und danach die Gehirnstrukturen gemessen - ähnlich wie wir es vorhaben. Diejenigen, die das Jonglieren gelernt hatten, zeigten tatsächlich Anpassungen im Gehirn. Wir selbst haben ein musikunterstütztes Training für Schlaganfall-Patienten entwickelt, bei dem die beeinträchtigten Patienten Tonfolgen am Klavier spielen. Positive Effekte durchs aktive Musizieren werden auch bei Patienten mit Parkinson oder Multipler Sklerose erzielt.

Frage: Wo liegen die Grenzen der Heilkraft von Musik?

Antwort: Der Musik kommt heute vor allem eine unterstützende Rolle zu, sie wird bei Parkinson oder Multipler Sklerose zusätzlich zu Medikamenten eingesetzt. Ihre Heilkraft ist seit Jahrtausenden bekannt. Wahrscheinlich haben die Schamanen in der Steinzeit schon Musik für magische und heilende Zwecke eingesetzt. Beispiele gibt es auch aus der Bibel: Immer wenn die dunklen Wolken kamen und ihn depressive Stimmungen übermannten, hat König Saul David gebeten, für ihn Harfe zu spielen. In der Antike gehörte Musik zur Therapie: Der Heilgott Apollo war gleichzeitig der Gott der Musen, also der Künste und vor allem der Musik.

Zur Person: Eckart Altenmüller (62) hat Medizin und Musikwissenschaften mit dem Hauptfach Querflöte studiert. Er ist Facharzt für Neurologie und gibt als Flötist Konzerte. Altenmüller ist Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin, das sich auch mit negativen Folgen von Musik beschäftigt, nämlich Krankheiten von Berufsmusikern.








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