14.07.2019

Reise in eine vergangene Zukunft: Ein Steampunker im Porträt


von Suzanne Schattenhofer


Bizarre Masken sind sein Markenzeichen: Steampunker Alexander Schlesier aus Ingolstadt fertig vorher keine Zeichnungen oder Pläne an, er baut und bastelt einfach drauf los . Seine retro-futuristischen Outfits und Objekte verleiht er auch für Fotoshootings. Die Uhr mit den Nixie-Röhren geht auf die Sekunde genau. Das Material wie den asiatischen Fünfhornkäfer findet er auf Flohmärkten. −Foto: Hauser

Bizarre Masken sind sein Markenzeichen: Steampunker Alexander Schlesier aus Ingolstadt fertig vorher keine Zeichnungen oder Pläne an, er baut und bastelt einfach drauf los . Seine retro-futuristischen Outfits und Objekte verleiht er auch für Fotoshootings. Die Uhr mit den Nixie-Röhren geht auf die Sekunde genau. Das Material wie den asiatischen Fünfhornkäfer findet er auf Flohmärkten. −Foto: Hauser

Bizarre Masken sind sein Markenzeichen: Steampunker Alexander Schlesier aus Ingolstadt fertig vorher keine Zeichnungen oder Pläne an, er baut und bastelt einfach drauf los . Seine retro-futuristischen Outfits und Objekte verleiht er auch für Fotoshootings. Die Uhr mit den Nixie-Röhren geht auf die Sekunde genau. Das Material wie den asiatischen Fünfhornkäfer findet er auf Flohmärkten. −Foto: Hauser


Seine martialischen Kostüme für fantastische Krieger baut er mit absoluter Perfektion und Liebe zum Detail: Alexander Schlesier ist Steampunker. Er sammelt auf Flohmärkten alte Maschinen, Uhren oder Werkzeuge, baut alles auseinander und macht etwas Neues daraus.

Überall Teesiebe und Uhren jeder Art. Alte Treibriemen aus festem Leder, Sattelzeug, das noch nach Pferdestall riecht. Flicken von faltigem Ziegenleder oder verfilztes Schaffell. Nähmaschinen aus Ururgroßmutters Zeiten. Ausgediente Lampen, Vogelkäfige und Werkzeug. Kameralinsen und medizinisches Gerät, längst ausrangiert. Tierskelette und ausgestopfte Raubvögel. Die ganze Wohnung in dem kleinen, unscheinbaren Haus im Ingolstädter Ortsteil Gerolfing quillt über.

Kaum auszumalen, auf wie vielen Flohmärkten Alexander Schlesier alle diese Schätze, all den Kram zusammengetragen hat. Oder bei der Caritas aufgestöbert. "Was die Leute alles wegschmeißen - da blutet einem manchmal richtig das Herz", sagt der 42-Jährige, der aus dem sächsischen Plauen stammt und schon als kleiner Bub gern gebastelt und getüfelt hat, im Gespräch mit dem Donaukurier. In seiner Werkstatt stapeln sich diese ungewollten Dinge bis zur Decke. Und er, er nimmt alles auseinander, schraubt alles auf, zerlegt es, säubert und ölt es, schneidet zurecht, näht und dengelt und baut es wieder zusammen - zu etwas Neuem, das mit dem Alten nicht unbedingt etwas zu tun haben muss. Mit einer Geschicklichkeit und der Präzision eines schweizer Uhrwerks geht er dabei zu Werke. Und alles funktioniert wieder - läuft am Schnürchen und wie geschmiert. Denn Perfektion ist seine Profession als Interieur-Designer und CAD-Konstrukteur bei Audi. Und so hält er es auch privat - als Steampunker.

−Foto: Hauser

−Foto: Hauser

−Foto: Hauser


Was das genau ist, erschließt sich dem Besucher nicht sofort. Es ist eine eigene, fremdartige Fantasiewelt, in der es noch Dampfmaschinen gibt, in der Jules Verne noch lebt und die Zeitmaschine in der viktorianischen Epoche stehengeblieben ist (siehe Infokasten unten).

Alexander Schlesier ist in diese fantastische Welt abgetaucht, nachdem er Festivals wie das Wave-Gotic-Treffen in Leipzig besucht hatte. Es gehört dazu, sich selbst ein passendes Outfit zu basteln. Zugleich liegt seine Leidenschaft, Altem und Ausgedientem wieder neues Leben einzuhauchen, gerade voll im Trend - zu Neudeutsch: Upcycling.

WAS IST STEAMPUNK?
Steampunk ist ein Phänomen, das als literarische Strömung erstmals in den 1980er Jahren auftrat und sich zu einem Kunstgenre und einer Subkultur entwickelte. Dabei werden moderne und futuristisch-technische Funktionen mit Anleihen aus dem viktorianischen Zeitalter verknüpft, wodurch eine Art Retro-Look der Technik entsteht. Steampunk zählt damit zum sogenannten Retro-Futurismus – eine Sicht auf die Zukunft, wie sie in früheren Zeiten entstanden sein könnte.

Die Wurzeln des Steampunks finden sich in den Romanen von Jules Verne (Reise zum Mittelpunkt der Erde, 20.000 Meilen unter dem Meer) und H. G. Wells (Krieg der Welten). Diese ersten Science-Fiction-Autoren beschrieben die Zukunft der Technik aus der Sicht ihrer Zeit: Im frühen industriellen Zeitalter war die Dampfmaschine Vorreiter der Technik, die Nutzung der Elektrizität steckte in den Kinderschuhen. Damals entstand auch der Stereotyp des verrückten Wissenschaftlers

Heute geht Steampunk längst über das rein Literarische hinaus und wird als Lebensgefühl empfunden. Kleidung, Comics, Spiele, Skulpturen, Design, Fotografie, Fahrzeuge, Gebrauchsgegenstände, Bühnen- und Kostümdesign, Musik und vieles mehr wird zum Thema Steampunk hergestellt.

Inzwischen ist eine Bewegung mit eigener Subkultur entstanden – eine Gruppe von Nostalgikern, Künstlern und Erfindern, die sich die Frage stellen: Was wäre, wenn sich aus der damaligen Dampftechnik ähnliche Produkte entwickelt hätten, wie wir sie heute in elektronischer, digitaler Form kennen? Das viktorianische Zeitalter steht dabei im Vordergrund – es gilt als die letzte Epoche, in der Laien zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen konnten und Technik immer auch eine ästhetische Komponente hatte. Steampunk-Mode kombiniert Elemente des viktorianischen Zeitalters mit modernen Elementen, ergänzt durch fantastische Technik.

Betritt man seine Wohnung, so stolpert man fast über ein Skelett, das an einem sehr speziellen Computerarbeitsplatz schon seit Ewigkeiten aufs schnelle Internet zu warten scheint. Auf dem Bildschirm flimmert das Bild einer Fledermaus, die Buchstaben der Tastatur sind Originalteile dreier uralter, mechanischer Schreibmaschinen. Eine vorsintflutliche Balgkamera fungiert als Webcam, ein ehemaliger Fernschreiber als Drucker. Wer jetzt glaubt, das sei alles nur Deko, der täuscht sich gewaltig: "Das Spannende ist, das es nicht nur alt aussehen soll, sondern auch funktioniert", erklärt Schlesier und schickt ein Dokument zum Drucken. Umgehend rattert die Tastatur des Fernschreibers los und produziert dabei ein satt-metallenes Geräusch, das nur noch alte Menschen kennen. Am Ende der Zeile bimmelt das Glöckchen, wie es sich gehört. Gedruckt wird auf braunem Packpapier, das Schlesier extra dafür zugeschnitten hat. Der wahre Perfektionist zeigt sich eben im Detail.

In voller Montur wiegt der Steampunker 30 bis 40 Kilogramm mehr

Dazu schwere, knarzende Rüstungen mit viel Leder, Messing und Kupfer an Ärmeln und Hosenbeinen. In der Mitte der Brust stets die kreisrunde Öffnung einer Linse, die sich durch eine Drehung mit der Hand öffnet und das mechanische Herz des Kriegers offenbart: ein blauer, zuckender Blitz. Schwere, Metall beschlagene Stiefel mit Sporen und Schnallen. So ein Steampunker in voller Montur bringt locker 30 bis 40 Kilo mehr auf die Waage. Eine reich verzierte Waffe gehört immer zum Outfit - so als zöge der Kämpfer geradewegs in den Krieg der Welten des H.G. Wells.

Zu verkaufen sind diese aufwendig gestalteten Kostüme in der Regel nicht. "Allerdings verleihe ich Outfits und Objekte als Requisiten für Fotoshootings oder Filmaufnahmen", sagt Schlesier. "Ich biete auch selbst Shootings an - zum Beispiel für Bands, die ein Titelcover brauchen." Ausgerüstet hat der Ingolstädter zum Beispiel schon Stahlzeit, eine Rammstein-Coverband.

Seine Fotosessions veranstaltet Alexander Schlesier auch im eigenen Esszimmer, das einem Krankenzimmer oder Operationssaal gleicht. Auf seinem OP-Esstisch inszeniert er blutige Metzeleien eines irren Doktors mit Pestmaske, der einer jungen Frau den Körper durchtrennt und bei lebendigem Leibe das Herz herausreißt. So gruselig geht es im braven Gerolfing zu. Zum Mittagsmahl macht es sich der Steampunker dann auf dem Zahnarztstuhl bequem, in grelles Licht gehüllt von "Dental 906". Auf der Ablage steht eine Flasche mit Salzsäure, im Spuckbecken ein kleinen Blumentopf. "So bizarr manche Sachen von mir sind - es muss immer ästhetisch sein und darf nicht ins Geschmacklose abdriften."

Alexander Schlesier plant bereits sein nächstes Projekt: "Auf dem Küchenschrank steht schon das ganze Material für einen elektrischen Stuhl", deutet er nach oben. Der Ingolstädter sucht dringend eine neue Bleibe, wo er wohnen und werkeln kann, am besten eine Hofstelle. Dazu, das wäre sein Traum, ein Ausstellungsraum für seine Kunstobjekte, die schon in Galerien standen oder auf Wikipedia abgebildet sind, wenn man den Begriff Steampunker sucht.

Er selbst kann sich nicht voll und ganz mit der Bewegung identifizieren. "Zu viel Chichi", meint er und setzt sich seine Maske auf. "Bei mir geht das mehr in Richtung Postapokalypse und Mad Max." Mad Alex halt.

Der Steampunker zollt damit seinen Respekt gegenüber den Dingen, die einst mit viel Aufwand und Liebe hergestellt wurden. "Das sind keine Wegwerfartikel wie heute, sondern Qualitätsprodukte", meint er und deutet auf eine Pfaff-Nähmaschine mit goldfarbener Musterung, die er zu einer Espressomaschine umfunktioniert hat. "Ich zeichne keine Entwürfe: Wenn ich etwas baue, ist das ein lebendiger Prozess. Herauskommen muss ein stimmiges Objekt."

Dann öffnet er einen schweren, schwarzen Werkzeugkasten, der immer noch nach Schmieröl riecht, und zeigt seine Kollektion an Uhren - martialische Zeitrechner aus dicken Lederarmbändern mit mehreren Zifferblättern, die teils verschlossen unter Linsen schlummern. Nichts für Anzugträger. Jede dieser Uhren hat Alexander Schlesier zerlegt, repariert und wieder zusammengesetzt. Solche Teile machen sich gut auf Lifestyle-Messen für Männer oder Fantasy-Märkten, wo die Exponate des Ingolstädters stets Staunen und Bewunderung erregen. Am meisten tun das natürlich seine Rüstungen und Kostüme, die zugleich aus der Vergangenheit und Zukunft zu kommen scheinen. Sie kleiden den Steampunker von Kopf bis Fuß: Die Helme und Masken aus Leder und Metall, verziert mit Schräubchen, winzigen Zahnrädern, Drähten, kleinen Zangen und rüsselartigen Schläuchen von Gasmasken. Die Augen des Trägers bleiben immer verborgen hinter dem feinen Gitter vom Teesieben, so dass keine Regung sichtbar ist. "Wenn du so eine Maske trägst, hast du nichts Menschliches mehr", sagt Schlesier.




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