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12.11.2009  |  00:00 Uhr

Urteil erst am Freitag

Kein Verletzter in Kaserne Brannenburg – Anklage: versuchter Totschlag

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Traunstein/Brannenburg (kd). Ein 18-jähriger Pionier in der Karfreit-Kaserne in Brannenburg kam mit dem Drill in der Bundeswehr ebenso wenig zu Recht wie mit einigen Vorgesetzten oder Kameraden. Der junge Mann eckte überall an, die Probleme gipfelten in einer Messerattacke gegen seinen 35 Jahre alten Zugführer. Glücklicherweise wurde bei dem Vorfall am 5. Juli niemand verletzt. Der junge Soldat landete im Bunker, dann in Untersuchungshaft und am Dienstag vor der Traunsteiner Jugendkammer – angeklagt wegen versuchten Totschlags. Das Gericht verkündet das Urteil morgen um 14 Uhr.

Der 18-Jährige hatte eine schwere Kindheit mit Gewalt in der Familie. Sowohl Vater als auch Mutter verprügelten ihn, wie Josef Benisch vom Kreisjugendamt Rosenheim schilderte. 1997 zog der Angeklagte mit seinen Eltern von Sibirien nach Deutschland, 2000 flüchtete die Mutter mit den Kindern in ein Frauenhaus. Die Eltern ließen sich scheiden. Der Bub wollte mit 14 Jahren in betreutes Wohnen wechseln, was ihm das Jugendamt nicht erlaubte. Die familiären Probleme hörten nicht auf, schulische und berufliche kamen hinzu. Nach der sechsten Klasse endete die schulische Karriere des durchaus intelligenten Mannes. In einem Berufsförderzentrum und einer Lehre verlief alles ähnlich. Um dem Einfluss der Mutter zu entgehen, ließ sich der Jugendliche freiwillig mustern und rückte am 1. April in Brannenburg ein.

Der Wehrdienst brachte jedoch keine positive Wende. Wieder lehnte er sich auf, missachtete Befehle, verübte sogar Fahnenflucht, kehrte aus freien Stücken zurück und sollte die Grundausbildung wiederholen. Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum Gabersee, berichtete, der 18-Jährige sei sehrschnell depressiv geworden durch den Umgangston bei der Bundeswehr. Mehrfach habe er sich zu Unrecht bestraft gefühlt.

In diese Zeit fiel der angeklagte Vorfall, nachdem der Pionier wieder Streit mit seinem Vorgesetzten, einem 35-jährigen Hauptfeldwebel, gehabt hatte. Der 18-Jährige hätte gemäß lautstarkem Befehl stehen bleiben müssen, ging aber trotzdem in seine Stube, um Block und Bleistift abzulegen. Plötzlich stürmte er auf den Zugführer mit dem Dienstklappmesser zu, das, an einer langen Schnur angebunden, in der Beintasche seiner Hose steckte und rief: "Jetzt reicht’s!"

Laut Anklage von Staatsanwalt Bernd Magiera hielt der Pionier die Waffe hoch erhoben und zielgerichtet gegen den Hals-Kopf-Brust-Bereich des Vorgesetzten. Mehrere Zeugen bestätigten dies, der 18-Jährige wies dies allerdings zurück. Er habe das Messer nur in Hüfthöhe gehalten und keine Ausholbewegung gemacht. Er habe den Vorgesetzten nur bedrohen wollen. Der 35-Jährige konnte das Messer mit dem Arm abblocken. Der Angeklagte wurde überwältigt und brach weinend zusammen. Was ihn zu der Attacke bewogen hatte, blieb am ersten Prozesstag offen. Im Raum steht: Er wollte unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassen werden.

"Er kann sich einfach nicht unterordnen", analysierte Benisch. Der 18-Jährige verharmlose Gewalt und ihre Folgen "aufgrund selbst erlebter Gewalt von Kindheit an". Hinzu kämen starke Isolationstendenzen und eine schwache Impulskontrolle. Insgesamt weise der 18-Jährige starke Reifeverzögerungen auf. Die Situation in der Bundeswehr sei für den Angeklagten "extrem und noch schwieriger als alles in seinem bisherigen Leben" gewesen. Wie alle Prozessbeteiligten trat Benisch für Anwendung von Jugendstrafrecht ein. Dr. Stefan Gerl ergänzte, der 18-Jährige verfüge in seiner Persönlichkeit über gewisse Auffälligkeiten mit instabilen Zügen und dissozialer Prägung. Zusammen mit einer affektiven Ausnahmesituation zur Tatzeit sei verminderte Schuldfähigkeit nicht auszuschließen. Von einer länger geplanten Aktion sei nicht auszugehen, hob Dr. Gerl heraus.

Im Plädoyer forderte Staatsanwalt Bernd Magiera wegen versuchten Totschlags mit einem extrem gefährlichen Werkzeug eine Jugendstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten. Unter den strafmildernden Aspektennannte er "einen enormen Frust", der sich bei dem 18-Jährigen bei der Bundeswehr angestaut habe. Magiera führte unter den negativen Gesichtspunkten auf: "Er ist eine absolut uneinsichtige Persönlichkeit."

Verteidiger Bernd Rudolph aus Singen sagte, sein Mandant habe auf keinen Fall einen Tötungsvorsatz gehabt oder den Geschädigten verletzen wollen. Der 18-Jährige habe ihn bedrohen, sich groß und stark machen wollen – aus einem Unsicherheitsgefühl heraus. An diesem Problemkreis müsse der 18-Jährige arbeiten und habe bereits viele Hilfsangebote, auch von der Bundeswehr, erhalten.

Am Rande merkte der Anwalt an: "Leute wie der Angeklagte werden bei der Bundeswehr an der Waffe ausgebildet. Mir ist nicht wohl dabei." Der Verteidiger beantragte eine Jugendstrafe, die unter strengen Auflagen zur Bewährung ausgesetzt werden könne: "Er braucht jemand, der ihn an der Hand nimmt, dazu Maßnahmen, die ihn auf den richtigen Pfad bringen."






 

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